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Sprachregister – Was ist das? Brauche ich das?

Heute möchte ich euch etwas zum Thema Sprachregister erzählen.

Sprachregister – Was ist das?

Je nachdem in was für einer Situation man ist, spricht oder schreibt man auf verschiedene Art, um das Gleiche auszudrücken.

Diese verschiedenen Arten nennt man Sprachregister (oder Sprachebene oder Sprachschicht, vielleicht ist es sogar so, dass sich irgendein Linguist noch einen Begriff dafür ausgedacht hat…).

Nehmen wir zum Beispiel an, es geht darum zu sagen, dass jemand etwas nicht versteht. Wie kann man das ausdrücken?

Da gibt es erst einmal die Möglichkeit im

Register Standardsprache: Er versteht das nicht.

Aber – wie alle lebenden Sprachen – hat Deutsch viele Möglichkeiten, also Register, um diesen Inhalt „Er versteht das nicht“ auszudrücken. Hier ein paar Beispiele:

Register Umgangssprache/Slang: Der schnallt’s nicht.

Register gehobene Sprache: Sein Verständnis für diese Sache lässt zu wünschen übrig.

Register Jugendsprache: Der ist echt voll lost.

Sprachregister in verschiedenen Situationen

Gewöhnlich beherrschen alle Menschen mehrere Register in ihrer Muttersprache, die sie je nach Situation benutzen:

  • Fremde sprechen anders miteinander, als Menschen, die miteinander vertraut sind: Im Deutschen wird dann z. B. oft mit Sie oder du unterschieden.
  • Menschen, die in einer sozialen Hierarchie auf der gleichen Ebene sind, sprechen anders miteinander, als Menschen, die das nicht sind. Ein Beispiel: SchülerInnen sprechen gewöhnlich anders untereinander als mit ihren LehrerInnen.
  • Wenn man schreibt, unterscheidet sich die Sprache je nachdem, an wen der Text adressiert ist: Wer an ein Amt schreibt, schreibt anders als jemand, der an eine Freundin schreibt. Eine Gebrauchsanleitung für ein Handy hat eine andere Sprache als die Bibel. Außerdem ist schriftliche Sprache anders als mündliche Sprache.
  • Je nach Gesprächssituation sprechen Menschen anders: beim Gespräch mit Freunden in der Kneipe spricht der Chef anders als in der Vorstandsitzung.
  • Je nachdem, welcher gesellschaftlichen Schicht Menschen angehören, sprechen sie verschieden: die Universitätsprofessorin spricht anders als die Fließbandarbeiterin.

Sprache bedeutet Identität, wer den Mund aufmacht, sagt auch immer, wer sie oder er ist, das ist untrennbar miteinander verbunden. Je nachdem welches Sprachregister man benutzt, sagt man auch immer, welche Funktion man hat und für wen man sich hält.

Oder anders ausgedrückt: Das nicht zu tun, ist richtig schwierig und verlangt intensives linguistisches und soziokulturelles Training.

Was bedeutet das für das Lernen von Deutsch als Fremdsprache?

Bevor euch hier jetzt graue Haare wachsen und ihr glaubt, das lern ich nie, keine Chance, Hilfe:

Keine Panik

Auch Menschen mit Deutsch als Muttersprache sind Menschen! Echt! Wenn die das lernen können, könnt ihr das auch. Letztlich ist es nur eine Frage von Training.

Okay, das zu lernen bedeutet einen gewissen Zeitaufwand.

Wenn ihr meint, diese Zeit habe ich nicht, dann kann ich euch auch beruhigen:

Für Deutschprüfungen bis von A1 – B2 reicht es, wenn ihr das Register „Standardsprache“ könnt. Ab C1 braucht ihr zusätzlich auch noch das Register „Gehobene Sprache“.

Welche Sprachkenntnisse brauche ich, um in Deutschland zu arbeiten?

Wenn ihr in Deutschland arbeiten wollt, reichen meistens B1 oder B2 aus. Oft müsst ihr die deutsche Fachsprache eures Berufes beherrschen (außer Englisch ist Unternehmenssprache). Diese deutsche Fachsprache braucht ihr aber normalerweise nicht, um mit der Arbeit zu beginnen, Kenntnisse in der deutschen Standardsprache reichen normalerweise. Eure deutsche Fachsprache könnt ihr während der Arbeit in Deutschland lernen! Das Entscheidende ist, dass eure Berufsqualifikation anerkannt wird.

So, wenden wir uns also den beiden Registern zu, die ihr wirklich braucht:

I. Register „Standardsprache“

Die Standardsprache teilt sich noch in zwei Unterkategorien: gesprochene und geschriebene Sprache.

Hier ein paar Beispiele:

 
Register Standardsprache
 
gesprochene Sprache
geschriebene Sprache
Beispiel 1Bevor Peter Medizin studiert hat, hat er ein Auslandsjahr in Australien gemacht.Vor seinem Medizinstudium verbrachte Peter ein Auslandsjahr in Australien.
Beispiel 2Als Daniel drei war, hatte er Windpocken.Mit drei Jahren hatte Daniel Windpocken.
Beispiel 3Anna musste für ihre Firma nach Kanada ziehen, weil ihre Chefin das halt so wollte.Auf Wunsch ihrer Chefin musste Anna Weber für ihre Firma nach Kanada ziehen.
Beispiel 4Als die mit der Sitzung fertig waren, sind die ja dann alle zusammen zum Mittagessen gegangen.Nach der Sitzung gingen sie alle zusammen zum Mittagessen.
Was sind die Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache?

a) Verbale oder nominale Struktur:

 
Verbale oder nominale Struktur
 
gesprochene Sprache
geschriebene Sprache
Beispiel 1Bevor Peter Medizin studiert hat, hat er ein Auslandsjahr in Australien gemacht.Vor seinem Medizinstudium verbrachte Peter ein Auslandsjahr in Australien.
Beispiel 3Anna musste für ihre Firma nach Kanada ziehen, weil ihre Chefin das halt so wollte.Auf Wunsch ihrer Chefin musste Anna Weber für ihre Firma nach Kanada ziehen.
Beispiel 4Als die mit der Sitzung fertig waren, sind ja dann alle zusammen zum Mittagessen gegangen.Nach der Sitzung gingen sie alle zusammen zum Mittagessen.
verbale oder nominale Strukturverbale Struktur: … studiert hat/… wollte/… fertig warenkompaktere, nominale Ausdrücke: vor seinem Medizinstudium / auf Wunsch ihrer Chefin / nach der Sitzung

In der gesprochenen Sprache benutzt man vor allem verbale Strukturen (Hauptsätze und Nebensätze), in der geschriebenen Sprache wird der Satz oft mit Hilfe von Nominalphrasen (Präposition + Nomen) kompakter. Meine nächsten Beiträge werden darum gehen, wie man das am besten konkret macht.

b) Vergangenheit – Perfekt oder Präteritum?

Perfekt oder Präteritum
gesprochene Sprache
geschriebene Sprache
Beispiel 1 Bevor Peter Medizin studiert hat, hat er ein Auslandsjahr in Australien gemacht. Vor seinem Medizinstudium verbrachte Peter ein Auslandsjahr in Australien.
verbale oder nominale Struktur Perfekt: … hat er ein Auslandsjahr in Australien gemacht. Präteritum: … verbrachte er ein Auslandsjahr in Australien.

Bei den Verben sein und haben und bei Modalverben (können, wollen, sollen, müssen, dürfen) benutzt man für die Vergangenheit sowohl in der gesprochenen Sprache als auch in der geschriebenen Sprache das Präteritum:

haben oder sein in der Vergangenheit
gesprochene Sprache
geschriebene Sprache
Beispiel 2 Als Daniel drei war, hatte er Windpocken und war drei Wochen lang krank. Mit drei Jahren hatte Daniel Windpocken und war drei Wochen lang krank.
Vergangenheit bei den Verben haben und sein Zeitform Präteritum: war / hatte / war Zeitform Präteritum: hatte / war
Modalverben in der Vergangenheit
gesprochene Sprache
geschriebene Sprache
Beispiel 3 Anna musste für ihre Firma nach Kanada ziehen, weil ihre Chefin das halt so wollte. Auf Wunsch ihrer Chefin musste Anna Weber für ihre Firma nach Kanada ziehen.
Vergangenheit bei Modalverben Zeitform Präteritum: musste / wollte Zeitform Präteritum: musste

Die Standardzeitform für die Vergangenheit ist in der gesprochenen Sprache das Perfekt, in der geschriebenen Sprache das Präteritum. Dass Perfekt in der geschriebenen Sprache obligatorisch ist, ist eine Ausnahme .

c) Präzision Geschriebene Sprache ist oft genauer als gesprochene Sprache:
Präzision in der Sprache
gesprochene Sprache
geschriebene Sprache
Beispiel 1 Bevor Peter Medizin studiert hat, hat er ein Auslandsjahr in Australien gemacht. Vor seinem Medizinstudium verbrachte Peter ein Auslandsjahr in Australien.
Beispiel 3 Anna musste für ihre Firma nach Kanada ziehen, weil ihre Chefin das halt so wollte. Auf Wunsch ihrer Chefin musste Anna Weber für ihre Firma nach Kanada ziehen.
Präzision in der Sprache oft allgemeinere Begriffe: hat … gemacht, nur der Vorname Anna oft präzisere Begriffe: verbrachte, Vorname und Nachname: Anna Weber
d) Artikel als Pronomen

Häufig wird in der gesprochenen Sprache die/der/das als Ersatz für die Pronomen sie/er/es verwendet:

Artikel als Pronomen
gesprochene Sprache
geschriebene Sprache
Beispiel 4 Als die mit der Sitzung fertig waren, sind die ja dann alle zusammen zum Mittagessen gegangen. Nach der Sitzung gingen sie alle zusammen zum Mittagessen.
Artikel als Pronomen Artikel als Pronomen die Personalpronomen sie
Wichtig:

Ihr könnt aber immer auch in der gesprochenen Standardsprache die normalen Personalpronomen verwenden. In Sprachprüfungen würde ich euch das sogar empfehlen, solange ihr euch nicht wirklich im Klaren darüber seid, wann die, der, das etc. als Ersatz für sie, er, es funktionieren und wann nicht.

e) Modalpartikeln

Gesprochene Sprache enthält – anders als geschriebene Sprache – oft Modalpartikeln:

 
Modalpartikeln
 
gesprochene Sprache
geschriebene Sprache
Beispiel 3Anna musste für ihre Firma nach Kanada ziehen, weil ihre Chefin das halt so wollte.Auf Wunsch ihrer Chefin musste Anna Weber für ihre Firma nach Kanada ziehen.
Beispiel 4Als die mit der Sitzung fertig waren, sind die ja dann alle zusammen zum Mittagessen gegangen.Nach der Sitzung gingen sie alle zusammen zum Mittagessen.
ModalpartikelnModalpartikeln halt, jakeine Modalpartikeln

Die gesprochene deutsche Sprache verwendet sehr viele Modalpartikeln. Wenn ihr einmal Deutschsprachigen beim Sprechen aufmerksam zuhört, werdet ihr merken, dass Modalpartikeln wirklich oft vorkommen. Da viele andere Sprachen Modalpartikeln nicht oder nur sehr wenig verwenden, ist es für Deutschlernende oft besonders schwierig, die Modalpartikeln zu verstehen. Sie haben nämlich keinen konkreten Inhalt, sondern transportieren vor allem die Gefühlslage der Sprechenden. Hier könnt ihr einen Artikel zu Modalpartikeln lesen. Allerdings ist, was darin beschrieben ist, nicht einmal die Spitze des Eisbergs.

Aber das ist nicht so schlimm.

Wegen Modalpartikeln werdet ihr durch keine Deutschprüfung fallen. Auch ohne Modalpartikeln werdet ihr in Deutschland arbeiten können.

Wenn ihr Modalpartikel lernen wollt:

dann hilft viel authentische gesprochene deutsche Sprache zu hören und auf Modalpartikeln zu achten. Wer gerade keine deutschen Muttersprachlerinnen als Versuchskaninchen benutzen kann: Filme schauen, Podcasts hören, Lernen mit Medien hilft auch gut!

euch mit der Linguistik hinter den Modalpartikeln zu beschäftigen, der Wikipedia-Eintrag zu Modalpartikeln ist ein Anfang.

II. Register „Gehobene Sprache“

Der Hauptunterschied zur Standardsprache ist der Wortschatz. Das bedeutet: Wer deutsche gehobene Sprache lernen will, z. B. um eine C1-Prüfung zu bestehen, muss insbesondere seinen Wortschatz systematisch erweitern. Tipps für den systematischen Aufbau von Wortschatz findet ihr in meinen Wortschatzartikeln.

Außerdem hat die gesprochene und die geschriebene gehobene Sprache besonders viele nominale Ausdrücke statt verbaler Ausdrücke.

Um gehobene deutsche Sprache zu erlernen, hilft es natürlich Bücher in gehobener Sprache zu lesen. Klassiker wären z. B. die Werke von Thomas Mann, Heinrich Mann oder Franz Kafka. Wenn ihr Bücher in gehobener deutscher Sprache lesen möchtet, geht in die Bibliothek eures Vertrauens, sagt der Bibliothekarin, was für eine Art Buch ihr sucht, z. B. historischer Roman, Kriminalroman, Abenteuerroman, oder was auch immer euch gefällt, und bittet um Tipps.

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